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Rückenschmerzen - auch eine Frage der Haltung

Betrachtet man die anatomischen Strukturen des menschlichen Körpers, so sollte eine gesunde Wirbelsäule sich in einer sanften S-förmigen Struktur aufrichten und in alle Richtungen beweglich sein. Sind diese gesunden Kurven aber abgeflacht oder zu sehr betont, lastet ein zu hoher Druck auf den Wirbelkörpern, den Wirbelgelenken und den Bandscheiben. Auch die Mobilität und Funktionsfähigkeit der Muskeln und des Bindegewebes leiden unter einer solchen Fehlstellung. So können leicht Irritationen der Nervenstrukturen und Schmerzen entstehen. Werden diese Schmerzen chronisch, nimmt man automatisch eine Schonhaltung ein, die langsam immer weiter in die Unbeweglichkeit hineinführt. Auch ein ständig gebeugter oberer Rücken und ein vorgeschobener Hals - eine so typische Haltung für das moderne Leben - können verantwortlich sein für Rücken, Nacken- und Schulterbeschwerden. Die individuelle Arbeit an der Körperhaltung spielt also eine entscheidende Rolle bei der Prävention von Rückenschmerzen.

Der gesunde Aufbau des menschlichen Körpers kann verglichen werden mit der Architektur eines Gebäudes, das strukturiert und harmonisch aufgebaut ist. Die Füsse, Beine, Becken, Wirbelsäule, Schultergürtel, Hals und Kopf richten sich aufeinander abgestimmt auf. Sie sind aufgespannt zwischen dem unteren, mit der Erde verbundenem Pol und dem oberen Pol des Scheitels. Dabei ist die Struktur des Körpers ausgerichtet an der Schwerkraft, die gleichzeitig nach unten hin Stabilität bietet und nach oben die Freiheit von entspannter Beweglichkeit (R. Rittiner - Das grosse Yoga-Therapiebuch).

"Wir Menschen sind wunderbare Geschöpfe. Wir verfügen, wie jedes andere Lebewesen, über angeborene Anmut und Kraft. Wir können ohne jeden Schmerz sitzen, gehen, laufen, springen, klettern, tanzen, Lasten tragen und vieles mehr. Wenn wir unseren natürlichen Körperbau respektieren, heilt unser Körper wie von selbst und bleibt uns lange erhalten. Tatsächlich gibt es rund um den Globus viele Völker, deren Angehörige schmerzfrei leben bis ins hohe Alter." (E. Gokhale)

Warum also leiden so viele Menschen an Rückenschmerzen? Unter anderem, weil Körper, Gefühle, Verstand und Psyche keine voneinander getrennten Teile sind, sondern eine untrennbare Einheit bilden. Alle Erfahrungen die wir im Leben machen, alle Gewohnheiten die wir entwickeln, schlagen sich in unserem Körper nieder und können zu ungesunden Haltungsmustern führen. Auch die Kultur in der wir leben und in der wir aufgewachsen sind, stellt einen untrennbaren Teil unserer geistig/körperlichen Entwicklung dar. Körper und Gehirn sind "akulturiert"; "sie können nicht getrennt werden von ihrer gelebten Erfahrung." (Mascia-Lee).

Unsere Kultur, unser Lebensstil, unsere Emotionen prägen also unsere Körperhaltung. Und genauso wie das Erscheinungsbild von Menschen aus industrialisierten Ländern immer öfter von einer leicht zusammengesunkenen, runden, eher unbeweglichen Haltung geprägt zu sein scheint, gibt es auch Kulturen, in denen die meisten Menschen automatisch eine aufrechte, stabile und bewegliche Haltung einnehmen.

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Aufrechtes, entspanntes Gehen einer Maasai-Frau

Auch im Yoga spielt die aufgerichtete, entspannte und gleichzeitig stabile Haltung seit jeher eine wichtige Rolle. "Holding the body, head and neck straight, unmoving and stable" ist die Anweisung der Bhagavad Gita (6, 14) für die ideale Haltung in der Meditation, die durch ihre äussere Stabilität auch innere Stabilität und Ruhe vermittelt. Schon seit Jahrhunderten kultiviert der Yoga durch verschiedenste Techniken und Übungen die Verbindung zwischen Körper, Emotionen, Geist und Psyche um Gesundheit zu erreichen und persönliche Entwicklung zu fördern.

Wie schon die Anthropologin Felicitas Goodman durch ihre Erforschung von Trancehaltungen zeigen konnte, sind bestimmte Körperhaltungen unmittelbar verbunden mit entsprechenden Gefühlen und Geisteszuständen. Und ebenso, wie sich z.B. Ängste in Körperspannungen manifestieren können, kann man durch ausgesuchte und bewusst eingenommene Körperhaltungen physische und psychische Spannungen auch wieder lösen. Das Bewusstsein für diese Zusammenhänge wird durch die Übungen des Yoga gestärkt. So genanntes "power posing", kraftvolle Körperhaltungen, führen nachweislich zu neuroendokrinologischen Veränderungen, die sich unmittelbar auf Körper und Geist auswirken. Mehr als bisher angenommen ist unser Bewusstsein in Körperwissen gegründet und nicht ausschliesslich im Gehirn.


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