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Yoga, Spiraldynamik und der bewusste Körper

Yoga als Heilkunst findet auch in Europa immer mehr Beachtung von der modernen Medizin. Zahlreiche Studien bestätigen die positive Wirkung von Yoga bei Rückenschmerzen, als begleitende Therapie bei Brustkrebs, ja sogar als wirksames Mittel in der Trauma-Therapie. Doch trotz dieser Entwicklung halten sich noch immer längst veraltete und falsche medizinische Vorstellungen darüber, wie man die Wirkungen des Hatha Yoga erklären kann. Gleichzeitig werden Erklärungen aus der mittelalterlichen Tradition des Hatha Yoga mit Misstrauen betrachtet, da sie uns häufig als zu fremd oder esoterisch erscheinen.

Die Spiraldynamik kann hier – zumindest teilweise - Abhilfe schaffen, indem sie einige Grundlagen der Wirkprinzipien des Yoga auf neue Art zugänglich macht. Als Bewegungstherapie ist die Spiraldynamik auf genauen Beobachtungen der menschlichen Anatomie im dynamischen Bewegungsablauf aufgebaut. Sie erschliesst einen Zugang zu Körperhaltungen und -bewegungen, der sich an universellen Prinzipien orientiert und - in Kombination mit Yoga-Asanas (Yoga-Haltungen) - einen nachvollziehbaren Weg zu gesunder Beweglichkeit vermittelt.

Anatomisch korrekt und dynamisch bewegen

Spiraldynamik ist die Kunst, sich anatomisch intelligent zu bewegen. Das in der Natur weit verbreitete Prinzip der Spirale, wie man es in Wasserstrudeln, Tornados, Muscheln, Schneckengehäusen oder Geweihen beobachten kann, bildet, nach dieser Theorie, auch eine wichtige Grundlage der lebendigen, dynamischen Anatomie unseres menschlichen Körpers. Aufgespannt zwischen zwei Polen - zwischen Himmel und Erde, Kopf und Becken – bewegt sich der Körper in spiraligen Verschraubungen um die Mitte herum und wechselt wellenförmig zwischen Spannung und Entspannung. Dabei steht jeder Muskel, jeder Knochen, jede Zelle ständig mit dem Ganzen in Verbindung und wird vom Ganzen beeinflusst.

Einschränkende Muster und Verspannungen wirken sich auf den ganzen Körper aus

Wie der Mediziner Christian Larsen schreibt, wird der menschliche Organismus in der Spiraldynamik als ein dynamisch fliessendes, sich selbst stabilisierendes System gesehen, dessen Teile sich ständig neu aufeinander abstimmen müssen. Dieses Abstimmen kann förderlich sein, wenn sich der Körper im Einklang mit der Schwerkraft und dem eigenen Wesen bewegt. Es kann sich aber auch hemmend auswirken, wenn ständig körperliche oder seelische Schwächen ausgeglichen werden müssen und Bewegungen nicht fliessen können, sondern nur eingeschränkt möglich sind (Christian Larsen – Die zwölf Grade der Freiheit).

Sind Kopf, Hals und Schultern verkrampft, so wirkt sich dieses Muster auf den ganzen Körper aus. Leidet ein Mensch auf Dauer unter starken Gefühlen wie

Angst oder Schmerz, schränkt das sowohl das Bewusstsein, als auch den Körper in seiner Beweglichkeit ein. Der Impuls zu einer neuen Aufrichtung und Längsspannung kann einem so betroffenen Menschen die Chance geben, einen „Prozess der Selbstregulierung“ in Gang zu setzen und seinen ganzen Körper wieder in Balance zu bringen (Christian Larsen – Die zwölf Grade der Freiheit).

Die Wirbelsäule als Dreh- und Angelpunkt der Aufrichtung

Körperliche Aufrichtung und ein dynamisches inneres Gleichgewicht sind wichtige Merkmale, die Spiraldynamik und Yoga miteinander teilen. Auch im Yoga spielt die Wirbelsäule als tragendes, aufrichtendes Element eine entscheidende Rolle. Die Wirbelsäule wird aber, in der traditionellen Vorstellung des Hatha Yoga, gleichgesetzt mit dem Berg Meru, dem mythischen Mittelpunkt der Welt. Merudanda, der „Stab, der wie der Berg Meru in die Höhe ragt“, ist im Yoga also mehr als nur eine anatomische Struktur. Es geht nicht nur um greifbare Körperlichkeit, sondern vor allem - wie der Religionswissenschaftler Eliade es formulierte - um eine „mystische Physiologie“, die den Menschen mit seinem Ursprung verbindet. In der Philosophie des Hatha Yoga existiert nicht nur die grobstoffliche Materie, sondern auch immer subtiler werdende Ebenen, die zwar direkt mit dem grobstofflichen Körper verbunden sind, aber mit der alltäglichen Wahrnehmung nicht zu erfassen sind (Mircea Eliade – Yoga).

Der Hatha Yoga betont über die materielle Ebene hinaus den Fluss von prana, der Lebenskraft als verbindendem Element sowohl innerhalb des Körpers, als auch mit der umgebenden Welt (Georg Feuerstein – The Yoga Tradition). Ähnlich wie das Fliessen des Chi in der chinesischen Medizin, ist der ungehinderte Fluss von prana die Voraussetzung für Gesundheit. Der kundige Yogi wird dadurch, dass er die Sinne von der Aussenwelt zurückzieht und sich auf die inneren, feinstofflichen Vorgänge konzentriert, zu einem Menschen, der ein umfassendes Wissen über seinen eigenen Körper erlangt und über die Beziehungen der einzelnen Elemente zum Ganzen (David G. White – Sinister Yogis).

The mindful body

Der Yoga strebt also vor allem ein Verständnis der inneren Zusammenhänge an, ein Üben der inneren Wahrnehmung, pratyahara, und nicht nur die äussere Balance des physischen Körpers. Dieses energetische Verständnis, das dem Yoga zugrunde liegt hat einen ganz eigenen Wert und sollte nicht den vermeintlich objektiven Erkenntnissen „westlicher“ Medizin untergeordnet werden. Den Wert überlieferter yogischer Vorstellungen kann man jedoch hauptsächlich individuell in der praktischen Übung erkunden. Schwierig bleibt es, objektiv fassbare Wirkungen von Yoga-Haltungen festzuhalten, ohne wertvolles, traditionelles Wissen zu opfern.

Die spiraldynamischen Erkenntnisse könnten hier eine Hilfe sein. Sie stützen sich auf Prinzipien, wie Aufrichtung, Balance und Harmonisierung, die uns universell erscheinen. Diese Prinzipien haben im traditionellen Zusammenhang des Yoga Gültigkeit und sind gleichzeitig auch vom Standpunkt der modernen Medizin verständlich.

Man sollte sich allerdings darüber klar sein, dass es nicht nur darum gehen kann einen materiellen Körper zu behandeln, sondern, dass man versucht ein komplexes, dynamisches Körper-Geist-System – einen „bewussten Körper“, „a mindful body“ - wieder in Balance zu bringen (Strathern, Stewart – Curing and Healing). Deshalb ist es sinnvoll, alle Ebenen zu berücksichtigen und immer auch die innere Erfahrung, die Konzentration, Achtsamkeit und Meditation als entscheidende Praxis des Yoga miteinzubeziehen.

Quellen:

Mircea Eliade - Yoga

Georg Feuerstein – The Yoga Tradition. Its History, Literature, Philosophy and Practice. Hohm Press, Prescott, 2001

Andrew Strathern, Pamela J. Stewart – Curing and Healing. Medical Anthropology in Global Perspective. Carolina Academic Press, Durham, 2010

David G. White – Sinister Yogis. University of Chicago Press, Chicago 2011