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Warum Faszien-Yoga?

Ist es wirklich nötig neben den vielen Yoga-Richtungen, die es schon gibt auch noch einen speziellen Yoga für die Faszien anzubieten? So, wie die klassischen, gut bekannten Dehnhaltungen des Hatha Yoga, können doch viele zeitgenössische Yoga-Asanas die Qualität der Faszien sowieso schon nachhaltig verbessern. Hält man die Posen für einige Zeit, wird man häufig mit einem erleichternden Gefühl des Lösens und Streckens belohnt. Vor allem dann, wenn Hilfsmittel genutzt werden, um sich in die Haltung hinein entspannen zu können. Eine gesunde Skepsis dem aktuellen Trend gegenüber ist also durchaus verständlich.

Dynamisch dehnende Bewegungen aktivieren das fasziale Netz

Unbedingt nötig ist es tatsächlich nicht ein spezielles Faszien-Yoga zu praktizieren. Und doch hat die intensive Forschung zum Thema Faszien in den letzten Jahren einige Erkenntnisse über Bewegungsformen gewonnen, mit deren Hilfe der Übende zusätzliche Schichten bindegewebiger Strukturen erreichen kann. Möglichst weite Bereiche des körperweiten, verbindenden Netzes werden angesprochen, wenn eine Dehnhaltung nicht passiv, sondern multidirektional und in unterschiedlichen Winkeln ausgeführt wird. Dies können seitlich orientierte, diagonale, spiralige oder drehende Dehnbewegungen sein. Um eher die langen myofaszialen Ketten anzusprechen, bieten sich fliessende und dynamisch schwingende Bewegungen an. Eine kurze Gegenbewegung kann hier bewusst eingesetzt werden, um den sogenannten Katapult-Effekt des faszialen Gewebes zu nutzen und die dynamisch dehnenden Haltungen vorzubereiten (vgl. R. Schleip - Training Principles for Fascial Connective Tissues).

Offenes und experimentierendes Bewegen

Im Hinblick auf die Yoga-Praxis scheint die Faszien-Forschung also zuerst einmal den Bereich der körperlichen Bewegungsformen zu erweitern. Elemente der Offenheit und Experimentierfreudigkeit können in die Praxis integriert werden. Hier kommt es besonders darauf an, zwar eine Weiterentwicklung des Yoga zuzulassen, aber keine Reduktion der Praxis auf ein rein körperliches Training voranzutreiben. Denn Yoga ist ein ganzheitlicher Weg.

Die Ganzheitlichkeit des Yoga wird aber durch die Inspirationen des Faszien-Trainings auch gar nicht in Frage gestellt. Denn ein gutes Faszien-Training wirkt ausgleichend auf die Psyche und auf den Körper. Schaut man sich die aktuellen Forschungen zum Thema Faszien genauer an, dann wird schnell klar, dass die neu gewonnenen Erkenntnisse einer ganzheitlichen Sicht des Menschen nicht entgegenstehen, sondern diese sogar noch unterstützen. Die Faszien-Forschung unterstützt ein Körper- und Menschenbild, das von Verbundenheit und Resonanz ausgeht. Das umfassende, formende Gewebe verbindet alle Strukturen und Funktionen des Körpers miteinander und ermöglicht Kommunikation im Innern, ebenso wie zwischen innen und aussen.

Gutes Faszientraining fördert Achtsamkeit und bewusste Wahrnehmung, ...

Die Faszien sind offenbar unser grösstes Organ für das verkörperte Erleben, oder „Embodiment“, und für die verbindende Wahrnehmung von körperlichem, emotionalem und psychischem Erleben. Ein grosser Teil der Bewegungsrezeptoren, die unseren Körpersinn ausmachen, so weiss man heute, liegt in den Faszien (vgl. R. Schleip - Training Principles for Fascial Connective Tissues). Bewusste Körperwahrnehmung und achtsame Bewegung stellen also einen zentralen Aspekt eines guten und umfassenden Faszien-Trainings dar.

Durch die achtsame körperliche Praxis und durch die Vorstellung einer allgemeinen Verbundenheit innerhalb des Körpers und mit der Umgebung, ermöglicht die spezielle Sichtweise der Faszien-Forschung eine vorsichtige Wiederannäherung des medizinisch-gesundheitlich ausgerichteten Bereichs im zeitgenössischen Yoga an geistig-philosophische Hintergründe. Während es bisher immer schwer - und teilweise gar unmöglich - war die oft reduktionistischen Ansichten der etablierten Medizin mit einem integrativen Weltbild der yogischen Philosophie in Übereinstimmung zu bringen, bietet das Bild eines umfassenden faszialen Netzes neue Möglichkeiten des gegenseitigen Verständnisses. Konsequent umgesetzt, stellt die Faszien-Forschung einen möglichen Ansatzpunkt für die Integration von Körperarbeit, Wahrnehmungsschulung und geistig-philosophischem Weg zur Verfügung.

... Verbundenheit und natürliches Fliessen

Das Bild eines körperweiten verbindenden Netzwerkes, in dem Innen- und Aussenwelt aufeinander bezogen sind, und die Idee einer dynamisch-energetischen Beweglichkeit, erinnern stark an Einheitsvorstellungen aus dem mittelalterlichen Tantra und Hatha Yoga, aber auch an den chinesischen Taoismus. Sowohl im buddhistischen, als auch im hinduistischen Tantra tauchen Kontinuität und Verbundenheit als zentrale Konzepte auf. In keiner dieser philosophischen Richtungen ist die spirituelle Entwicklung des Menschen unbedingt daran gebunden, sich aus der alltäglichen Welt zurückzuziehen oder seine natürlichen Impulse zu unterdrücken (vgl. G. Feuerstein - The Yoga Tradition; Power and Transcendence in Tantra). Statt dessen, ist die alltägliche Realität in eine höhere Realität eingebunden, als Teil eines Ganzen. Die spirituelle Entwicklung findet immer in bezug auf die Realität des Körpers statt.

Der Antrieb in all diesen Traditionen, ist nicht das Verändern oder Überwinden des Bestehenden, sondern das Zurückfinden zu einer ursprünglichen Einheit und Balance. Angestrebt wird Sahaja (sanskr.), oder Wu-wei (chines.), das Fliessen mit dem natürlichen Strom der Dinge. Wenn alle Dinge (bzw. Menschen, Körper, Organe...) ihrer eigenen Natur folgen können, werden sie mit sich selbst und miteinander in Einklang stehen; nicht weil eine von aussen auferlegte Regel sie dazu zwingt, sondern aufgrund ihrer gegenseitigen Resonanz und ihrer Abhängigkeit voneinander (vgl. A. Watts - Der Lauf des Wassers).

Diese und ähnliche weltanschaulichen Grundlagen des Tantra, des Hatha Yoga und des Taoismus bieten tatsächlich einen verführerisch passend erscheinenden Hintergrund für eine philosophische Interpretation der Faszienforschung, da sie von einem Weltbild der Verbundenheit, der Resonanz und Integration ausgehen. Und tatsächlich können diese Vorstellungen und Begriffe unsere Yoga-Praxis bereichern und unsere Erfahrungen verständlicher machen. Trotzdem bleibt es wichtig, sich bewusst zu sein, dass die eigene körperliche Erfahrung, das eigene Spüren und Erleben und die individuelle Offenheit entscheidend sind, wenn es darum geht, Integrität zu finden.

Faszien-Yoga ist also eine Entwicklung des zeitgenössischen Yoga, die unseren Erfahrungsspielraum erweitern kann. Sie hat das Potential eine Brücke zu bilden zwischen moderner medizinischer Forschung und spiritueller Praxis, wenn man die begrenzte Übertragbarkeit von kulturell geprägten Vorstellungen und Begriffen im Auge behält und die unmittelbare Wahrnehmung des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt.


Quellen:

Georg Feuerstein - The Yoga Tradition. Its History. Literature, Philosophy and Practice. Hohm Press, Prescott, 2001

Robert Schleip - Training Principles for Fascial Connective Tissues: Scientific foundation and suggested practical applications; Journal of Bodywork & Movement Therapies (2012), p. 1-13

Alan Watts - Der Lauf des Wassers. Eine Einführung in den Taoismus. Knaur Verlag, München, 2011


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