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Auf der Suche nach dem Glück - 1. Teil

„Glück ist machbar“, heisst es - aber warum fällt es uns dann oft so schwer glücklich zu sein? Und was kann ich dafür tun, dass Glücklichsein mir leichter fällt? Autoren aus den unterschiedlichsten Bereichen bieten hilfreiche Antworten auf diese Fragen.

Eigentlich würde doch jeder Mensch am liebsten immer glücklich sein und sich wohl fühlen können - sollte man meinen. Offenbar aber neigen wir dazu, das Negative in unserem Leben viel leichter wahrzunehmen als das Positive. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich schneller und stärker auf Situationen, die negative Emotionen in uns auslösen. Ist die Situation dann vorbei und wir möchten zu positiveren Stimmungen zurückkehren, ist das nicht immer leicht - oft müssen wir ganz bewusst daran arbeiten.

Negative Gedanken mit „Klebstoff-Effekt“

Herrschen Ängste, Sorgen, oder sogar Vorstellungen von Katastrophen in unserem Denken vor, nützt es uns wenig wenn wir wissen, dass Dankbarkeit eine positive Einstellung fördert und dass es uns ja - alles in allem - eigentlich gut geht. Wie schwer es tatsächlich sein kann die positiven Aspekte des Lebens bewusst zu schätzen und zu fördern, merkt man besonders in schwierigen Situationen. Geht es mir emotional nicht gut, dann fällt es mir ganz besonders schwer, überhaupt noch positive Dinge zu sehen. Stehen schwierige Entscheidungen an, dann drehen sich die negativen Gedanken im Kreis. Die Grübeleien, die dabei entstehen, sind ausufernde negative Stimmungen, die einen schädlichen psychischen „Klebstoff-Effekt“ auslösen, wie es der französische Psychiater Christophe André ausdrückt.

„Es liegt im Wesen des Herumbrütens, dass es Sorgen und unglückliche Ereignisse in die Länge zieht, als wären sie nicht ohnehin schon ärgerlich genug. Auf diese Weise aber werden sie über unser ganzes Leben ausgebreitet, [...]“. [1]

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Das „katastrophische“ Gehirn verstehen

Was dagegen helfen kann sich auch in schwierigen Situationen nicht in eine Spirale des Negativen hineinziehen zu lassen, ist zunächst einmal das Wissen, dass wir Menschen offenbar ein „katastrophisches“ Gehirn haben, wie es der Sozialpsychologe Martin Seligman ausdrückt. Um unsere körperlichen Schwächen auszugleichen hat sich im Laufe der Jahrtausende in unserem Gehirn ein Verteidigungs-System entwickelt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, uns vor allen Gefahren so gut wie möglich zu schützen. Und nicht selten tut es dabei des Guten zuviel, wie der Psychologe Niels Birbaumer und der Biologe Jörg Zittlau feststellen:

„Wir sind fast immer auf das Schlimmste gefasst. Unser Blick gilt vor allem dem, was alles schiefgehen könnte. Und nicht dem, was gut läuft. Weswegen das Defense-System in unserem Gehirn besonders ausgeprägt ist - und besonders ausgeklügelt in seinem internen Zusammenspiel. Eine Schlüsselrolle in diesem System spielt die Amygdala. [...] Die Amygdala ist ein sehr archaisches Organ und funktioniert prinzipiell wie eine Alarmanlage: Innerhalb weniger Millisekunden bewertet sie die Gefahrensituation, und wenn diese als bedrohlich genug eingeschätzt wird, geht über Hypothalamus und Hypophyse an die Nebennieren der Befehl zum Ausschütten von Stresshormonen.“[2]

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Ständiges Verfügbar-Sein vertreibt Entspannung und Glück

Die schnelle und unbewusste Aktivierung des Verteidigungs-Systems hat zwar viele Vorteile für das Überleben der Menschheit, aber auch einen entscheidenden Nachteil. Dann nämlich, wenn sie nicht nur im Ausnahmefall anspringt, sondern fast ständig im Einsatz ist. Sind wir ständig verfügbar, ständig gedanklich aktiv und lassen uns immer mit neuen Nachrichten und Möglichkeiten versorgen, sammelt sich sehr viel „Gedankenmüll“ an, der unseren ganzen Körper in Aufregung versetzt und unseren Geist nicht zur Ruhe kommen lässt. Auch wenn wir verstörende Situationen nur auf dem Bildschirm sehen oder darüber lesen, versetzen sie uns trotzdem in Alarmbereitschaft.

Alarme, die unter der Schwelle unserer Aufmerksamkeit liegen, schaffen einen Hintergrund von Anspannung, Reizbarkeit, Vorsicht und Pessimismus. Die Alarme, derer wir uns bewusst werden, sind emotional und oft auch körperlich unangenehm - wie Angst, Wut oder Schmerz.“[3]

Ständige Anspannung spüren wir, wie der Neuropsychologe Rick Hanson schreibt, also im Körper genauso wie im Geist. Und weil es sich gar nicht gut anfühlt, lange angespannt oder besorgt zu sein, neigen wir dazu, die unangenehmen Gefühle zu ignorieren oder zu verdrängen. Lieber atmen wir flacher, unterdrücken (seelische) Schmerzen und reden uns ein, dass es kein ernsthaftes Problem gebe. Der Möglichkeit von Entspannung, Wohlbefinden und so auch dem Empfinden von Glück steht diese ständige Anspannung eindeutig entgegen.

Oft stehen wir uns selbst im Weg - und merken es nicht

Eine negative Verzerrung der Wirklichkeit, wie sie durch die übermässige Aktivierung unseres Verteidigungssystems entsteht, ist auch im Yoga seit jeher ein zentrales Thema. Wie die Yogalehrerin Anna Trökes und die Biologin Bettina Knothe feststellen, ist avidya - die Unwissenheit oder das mangelnde Erkennen der Wirklichkeit - ein reicher Nährboden für weitere Störkräfte (kleshas), mit denen man sich im Yoga schon lange immer wieder beschäftigt.

„Unser Nicht-Wissen gleicht dem unteren, nicht sichtbaren Teil eines Eisberges. Weil es uns nicht von Natur aus gegeben ist, eine umfassende Perspektive unserer Persönlichkeit und unseres Seins einzunehmen, verwechseln wir die kleinen Facetten, die in unsere Wahrnehmung treten, mit der Wirklichkeit.“[4]

Unsere aufgewühlten Stimmungen, Gefühle und Gedanken gaukeln uns ein Bild von der Welt vor, das zu einem großen Teil nicht von der Wirklichkeit, sondern vor allem von unseren eigenen Ängsten, Sorgen, Begierden und Sehnsüchten bestimmt ist. Tiefsitzende unbewusste Erinnerungen (vasanas), Prägungen, die uns immer wieder nach bestimmten Mustern handeln lassen (samskaras) und mentale Blockaden (antarayas), wie Unbehagen, Faulheit oder Zweifel, wühlen uns innerlich auf und lassen uns unsicher, unruhig, aggressiv oder desinteressiert werden. Wiederkehrende negative Gedankenspiralen lassen uns an den schönen Dingen vorbeischauen und halten uns vom glücklichen Leben ab.

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Die eigene Gefühlswelt achtsam erforschen

Wer sich aber bewusst ist, dass ein Teil von uns immer mit dem Schlimmsten rechnet, der kann diese Gefühle und Gedanken genau anschauen und akzeptieren; und hat in diesem Moment die Chance etwas zu verändern. Dafür müssen wir uns nur die Zeit nehmen herauszufinden, was in unserem Innern vorgeht.

„Sehne ich mich danach, nicht mehr unablässig Traurigkeit oder Zorn zu verspüren, so sollte ich mir nicht wünschen, sie nicht zu verspüren, wenn sie sich in mir einstellen - zunächst einmal sollte ich es bewusst akzeptieren, dass ich so empfinde. Statt ihnen zu entfliehen, sollte ich „auf sie zugehen“ und sie aufmerksam untersuchen. Dazu muss ich mich gegen einen ganz natürlichen Hang wehren: Wir heissen das Angenehme willkommen und stossen das Unangenehme von uns. [...] Aber wenn ich das schaffe, werde ich auch belohnt: Die Akzeptanz eröffnet mir die Möglichkeit, mein Leid allmählich dauerhaft zu verringern. Ausserdem können mich meine Erfahrungen dann bereichern, statt dass ich unverändert aus ihnen hervorgehe.“[5]

Negative Stimmungen und Gedanken zu unterdrücken macht also keinen Sinn. Denn das führt mich auf Dauer immer weiter weg vom Glück. Statt dessen ist es besser hellwach zu werden, sobald mir bewusst wird, dass ich angespannt oder traurig bin und meinen Gefühlen achtsam auf den Grund zu gehen. Smriti, die Achtsamkeit, beobachtet still und spürt genau, ohne sich einzumischen, ohne mit Zuneigung oder Abneigung zu reagieren und ohne zu urteilen. Sie hilft, innezuhalten und sich aufmerksam auf das auszurichten, was in diesem Moment gerade (in mir - in meinem Körper und Geist) passiert.

Fortsetzung folgt...



[1] Christophe André - Die Launen der Seele. Vom Umgang mit unseren Stimmungen. Aufbau Verlag, Berlin, 2012

[2] Niels Birbaumer, Jörg Zittlau - Denken wird überschätzt. Warum unser Gehirn die Leere liebt. Ullstein Verlag, Berlin, 2016

[3] Rick Hanson - Just one thing. So entwickeln Sie das Gehirn eines Buddha. Arbor Verlag, 2012

[4] Anna Trökes, Bettina Knothe - Yoga-Glück. Gräfe und Unzer Verlag, München, 2016

[5] Christophe André - Die Launen der Seele; s.o.