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DIE GABE – BEWUSST SCHENKEN

Jetzt, wo es in Eilschritten auf die Weihnachtszeit zugeht, kommen viele so richtig in Stress. Dass die Zeit zwischen den Jahren eine Zeit der Ruhe sein kann - eine Zeit des Reflektierens über das Vergangene und des Ausrichtens auf das Neue - scheint in der Hektik des weihnachtlichen Kaufens und Besorgens immer mehr verloren zu gehen.

Anstatt die Zeit der dunklen Abende gemütlich zu geniessen, mit Familie und Freunden zusammenzusitzen oder in der kalten Winterluft spazieren zu gehen, rennt man am Wochenende durch die Geschäfte auf der Suche nach Geschenkmaterial. Dabei scheint es immer weniger wichtig zu sein, was man schenkt. Hauptsache, man hat für jeden irgendetwas.

So kommt es vor allem in Familien mit kleineren Kinder häufig zu einer Geschenke-Schwemme, mit der am Ende keiner wirklich glücklich ist. Kleine Kinder, die heulend und streitend in einem Berg von Geschenkpapier und Spielzeug sitzen; Omas und Patentanten, die überschwänglichen Dank für ihre Präsente erwarten, die vielleicht gar keiner haben möchte: kann das der Sinn sein, der hinter dem Schenken steckt?

GEBEN SCHAFFT BEZIEHUNGEN

Liest man einmal bei den alten Soziologen und Ethnologen nach, wie zum Beispiel bei Marcel Mauss, dann stellt man fest, dass die wichtigste Funktion der Gabe die Beziehung ist, die sie herstellt - zwischen dem, der gibt, und dem, der die Gabe annimmt. Im Idealfall entsteht eine Beziehung der Solidarität, da man etwas teilt. Aber, derjenige, der die Gabe annimmt begibt sich dem Geber gegenüber auch in eine Schuld, und so kann das Geben ebenso ein Ungleichheit, eventuell sogar eine Hierarchie, hervorrufen. Geben kann also sehr zweideutig sein - ein Akt der Grosszügigkeit oder aber der Erwartungen und Abhängigkeiten.

Um wahrhaft Gabe sein zu können, wie Mauss sagt, muss Geben ein freiwilliger und persönlicher Akt sein, sonst ist es erzwungen und dient nur dem Durchsetzen eigener Interessen, nicht aber der Pflege einer Beziehung. Auch wenn Marcel Mauss sich mit den Beziehungen zwischen sozialen Gruppen beschäftigt hat, die durch Gaben aufgebaut und gestärkt werden, gilt doch vieles von dem was er schreibt auch für das Schenken unter Einzelnen oder in Familien.

GESCHENKE ALS SYMBOL

Schenken ist der symbolische Ausdruck von Beziehung. Es ist also eigentlich die Beziehung zu einem oder mehreren Menschen, die im Mittelpunkt steht, weniger das Geschenk an sich. Im Altgriechischen ist der Sinn des Begriffs „Symbol“ sehr konkret und bezeichnet die Hälfte eines Erkennungszeichens, die mit der anderen genau übereinstimmt. So konnten sich verbundene Familien untereinander über Generationen erkennen, auch wenn sie sich noch nie begegnet waren. Das passende Verb „sumbaino“ bedeutet zusammenkommen, sich versammeln, sich versöhnen, sich gut verstehen.

So kann man sich fragen, ob es einer wichtigen Freundschaft wirklich gerecht wird, wenn ich schnell mal im Online-Shop etwas bestelle, verpacken lasse und mit der Kreditkarte bezahle. Und auch ein Zuviel an Geschenken ist nicht immer ein Ausdruck von Grosszügigkeit, sondern kann ebenso von überzogenen Erwartungen oder subtilen eigenen Schuldgefühlen sprechen.

MITEINANDER SEIN

Wie kann ich meine Beziehungen wirklich pflegen? Und schenke ich freiwillig, mit Freude, weil ich etwas teilen möchte, ohne Erwartungen? Sich seine Gefühle bewusst zu machen und achtsam mit Freundschaften und Familie umzugehen, kann das Schenken von ganz viel Ballast befreien. Dann kommt man vielleicht auf die Idee ganz kleine Geschenke zu machen, etwas selber zu basteln, den einen wichtigen Herzenswunsch zu erfüllen oder sich einfach gar nichts zu schenken und lieber eine schöne Zeit miteinander zu verbringen.

QUELLEN:

Alain Caillé – Anthropologie der Gabe. Campus Verlag, Frankfurt, 2007

Maurice Godelier – Das Rätsel der Gabe. Geld, Geschenke, heilige Objekte. C.H. Beck, München, 1996

Marcel Mauss – Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt, 1990


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