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Dialoge führen, anstatt zu diskutieren

Der wegweisende Physiker David Bohm fragte sich, warum wir Menschen immer wieder aneinander vorbeireden und wie wir uns besser verstehen können. Dabei stellte er fest, dass die Fähigkeit aufrichtig miteinander zu sprechen nicht unbedingt etwas ist, das man einfach so kann. Es ist eine Angelegenheit praktischen Übens und ein Werkzeug für die persönliche und die gesellschaftliche Entwicklung.

David Bohm - legendärer Physiker und Philosoph

David Bohm (1917 - 1992), Quantenphysiker und Philosoph, beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie wir wahrhaftiger miteinander kommunizieren können. Beeinflusst durch seine Forschungen in der Quantenphysik und inspiriert durch Denker wie Jiddu Krishnamurti, den Dalai Lama und den Psychoanalytiker Patrick de Maré, begann David Bohm in den 70er Jahren eine andere - bewusstere und achtsamere - Form der Kommunikation zu entwickeln. Aus seinen Essays, Seminaren und Vorträgen zu diesem Thema, ist Ende der 90er Jahre „Der Dialog“ entstanden - ein Klassiker ganzheitlicher Gesprächskultur.

Während seiner Laufbahn als Wissenschaftler hat Bohm selber immer wieder unter einer Situation gelitten, die bis heute noch drängender und offensichtlicher geworden ist: die Menschen reden aneinander vorbei, hören sich nicht zu, haben zu allem und jedem eine feste, unverrückbare Meinung und geben sich gleichzeitig mit oberflächlichen Floskeln zufrieden. In den wissenschaftlichen Kreisen, in denen sich Bohm bewegte, führten unbeugsame, ablehnende Haltungen und die Weigerung sich mit neuen Theorien auseinanderzusetzen, zu intensiven Gefühlen der Frustration.

Aus diesen negativen Erfahrungen zog Bohm die Erkenntnis, dass einschränkende und starre Formen der Kommunikation immer auf Kosten eines kreativen Austausches gehen; auf Kosten eines Austausches der gemeinsame Ziele fördert - nicht nur im wissenschaftlichen, sondern auch im politischen, wirtschaftlichen und im sozialen Bereich. Um dieser allgemeinen Entwicklung eine Alternative entgegenzusetzen, suchte Bohm nach einer kreativen, auf gegenseitigem Verständnis und radikaler Offenheit basierenden Alternative der Kommunikation; einer Gesprächsform, bei der die Menschen gemeinsam etwas Neues schaffen können, anstatt ihre Vorurteile zu bestätigen.

Gespräche als freier und kreativer Austausch

Der Bohm’sche Dialog dient nicht dem Austausch von Informationen und dem Offenlegen von Meinungen. Das offene Gespräch ist ein gemeinsames Suchen nach Lösungen; ein gemeinsames Denken und Erkunden, aus dem unter bestimmten Bedingungen ein freier Sinnfluss („flow of meaning“) entstehen kann. Das Thema ist nicht vorgegeben, sondern entsteht in der Begegnung. So können alle Teilnehmenden sich kreativ entfalten, können ihre eigenen Reaktionen besser kennenlernen und sich weiterentwickeln.

Aber natürlich kann eine solche Kommunikation nur dann zur Schaffung von etwas Neuem führen, wenn die Gesprächsteilnehmer in der Lage sind, einander uneingeschränkt und vorurteilsfrei zuzuhören, ohne zu versuchen, sich gegenseitig zu beeinflussen. Das Interesse eines jeden muss in erster Linie der Wahrheit und Kohärenz gelten, so dass er bereit ist, alte Vorstellungen und Absichten fallenzulassen und, wenn nötig, zu etwas anderem fortzuschreiten.

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Hindernisse auf dem Weg zur offenen Kommunikation

Was hindert uns denn überhaupt daran auch ohne Anleitung, frei, offen und ehrlich miteinander zu sprechen? Bohm hat vor allem die Natur unseres Denkens dafür verantwortlich gemacht. Unser Gehirn strukturiert schon von Beginn an unsere Erfahrungen auf eine ganz bestimmte, individuelle Weise, so dass wir keinen freien, unverbauten Blick auf die Welt haben. Wir werden durch unsere Erfahrungen geprägt, haben bestimmte Bilder und Meinungen im Kopf und betrachten die Welt durch unsere individuelle „Brille“.

Der deutsche Hirnforscher Gerd Kempermann bestätigt diese Ansicht:

Weil unsere Gehirne sich unterscheiden, sind wir so verschieden. Das Gehirn am Ende unseres Lebens birgt all die Erinnerungen und Erfahrungen, die wir gemacht haben, aber es enthält sie nicht, wie ein Krug Wasser enthält, sondern es ist alle Erinnerungen und Erfahrungen, weil es sich mit ihnen in seiner Struktur verändert hat. Jeder bekommt, je älter er wird desto mehr, ein Gehirn, das in Struktur und Feinbau seiner Biographie und all dem, was er je gelernt hat, entspricht.“

Im Alltag sind wir uns dieser „Brille“, durch die wir die Welt betrachten, nicht bewusst und glauben, dass alles was wir wahrnehmen der Wirklichkeit entspricht. Dabei zerteilt unser Denken eine Welt, die eigentlich als Einheit funktioniert, in kleine, fragmentierte Häppchen, die wir mit dem Ganzen verwechseln.

Ausserdem, bemerkte Bohm, denken wir viel zuwenig mit dem Körper. Wir spüren unseren Körper nicht, wenn wir miteinander sprechen; nehmen zu selten wahr, wie wir innerlich reagieren. Achten wir aber einmal genau auf die Reaktionen unseres Körpers während wir sprechen, dann spüren wir, dass Denken, Fühlen und Reagieren zu einem einzigen Prozess werden.

Wenn Sie sich beobachten, werden Sie eine Intention zu denken erkennen, einen Impuls zu denken. Dann kommt der Gedanke, und der Gedanke kann ein Gefühl hervorrufen, was vielleicht eine neue Absicht zu denken auslöst, und so weiter. Wir sind uns dessen nicht bewusst, so dass es scheint, als käme der Gedanke ganz von selbst, und das Gefühl scheint ebenfalls ganz von selbst zu kommen.“

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Die Lösung: sich selbst beim Denken beobachten

Tatsächlich funktioniert unser Körper wie ein Spiegel, der unsere Gedanken reflektiert. Wir können in uns hineinfühlen und uns selbst beim Denken zuschauen. Bohm nennt diese Möglichkeit das „In-der-Schwebe-halten“ von Gedanken und Gefühlen. In diesem Prozess ist es nötig, dass jeder Beteiligte seine Annahmen und Vor-Urteile in der Schwebe hält und sie weder sofort äussert, noch sie unterdrückt. Man beurteilt die eigene Reaktion nicht, nimmt sie so hin, wie sie ist. Ich kann mir auch vorstellen, meine Reaktion - vielleicht einen Ärger - vor mir aufzuhängen, so dass ich ihn genau betrachten kann. So kann ich Gefühle und Gedanken erkennen, die mit dem Ärger verbunden sind und die ich nicht sehen könnte, wenn ich diesen Ärger auslebe oder unterdrücke.

Es ist ein Prozess der Achtsamkeit, den Bohm beschreibt. Ein Prozess der Einsicht, wie er ähnlich auch in buddhistischen Schriften erläutert wird. Der buddhistische Mönch Bhikkhu Analayo beschreibt diesen Prozess in seiner Erläuterung der Achtsamkeitsmeditation auf ganz ähnliche Weise:

Die Betrachtung der Gefühle eröffnet die Möglichkeit, sich dieser wertenden und bedingenden Funktionen bewusst zu werden. Ein klares Gewahrsein der bedingenden Einwirkung der Gefühle kann zu einer Neustrukturierung gewohnheitsmässiger Reaktionsmuster führen, die bedeutungslos oder sogar schädlich geworden sind. Auf diese Weise können Emotionen an ihrem Ursprung „dekonditioniert“ werden.“

Lassen wir uns darauf ein, so Bohm, dann

„erkennen wir einfach, was die Annahmen und Reaktionen bedeuten - nicht nur unsere eigenen, sondern auch die der anderen Teilnehmer. Wir versuchen nicht, irgendjemanden dazu zu bringen, seine Meinung zu ändern. Das ist ein Teil dessen, was ich als Dialog bezeichne - dass die Teilnehmer dessen gewahr werden, was in den Köpfen der anderen vorgeht, ohne zu irgendwelchen Schlussfolgerungen oder Urteilen zu kommen. Annahmen werden aufgedeckt.“

Die Kunst des gemeinsamen Denkens im Dialog

Offenheit kann entstehen, wenn alle Gesprächspartner in der Lage sind ihre eigenen Annahmen und Meinungen bewusst zu erkennen und sich von ihnen so weit zu lösen, dass sie bereit sind ihre Denkweisen einander mitzuteilen und ihr Denken vom anderen beeinflussen zu lassen. So kann auch bei einer zufälligen Begegnung eine „lebendige Gegenseitigkeit“ (Martin Buber) entstehen, in der die Erfahrung des Anderseins ebenso bedeutsam ist, wie das Gefühl der Verbundenheit. Diese lebendige Art des Miteinander-Sprechens ist das genaue Gegenteil eines unreflektierten Drauflosredens. Es braucht gewisse Grundprinzipien, an denen sich Gesprächsteilnehmer orientieren können. Die Dialogprozessbegleiter L. Freeman Dhority, Martina und Johannes F. Hartkemeyer haben zehn „Kernfähigkeiten“ formuliert, die eine Grundlage dafür bieten sollen, sich auch im Alltag an einer dialogische Haltung zu orientieren:

  • Bereit sein zu lernen
  • Radikalen Respekt ausüben
  • Von Herzen sprechen
  • Achtsam zuhören
  • Annahmen und Bewertungen in der Schwebe halten
  • Aufrichtig erkunden
  • Produktiv plädieren
  • Offen sein
  • Verlangsamung zulassen
  • Den Beobachter in uns beobachten

Der Dialog erfordert eine ernsthafte Aufmerksamkeit dem gesamten Prozess gegenüber. Wir müssen bereit sein innezuhalten und unsere Aufmerksamkeit dem eigenen Denken und Fühlen zu widmen.

Fazit//

Der schmale Band mit Bohms gesammelten Essays und Aufsätzen zum Dialog spricht wichtige Themen an, die heute aktueller sind denn je. Auch wenn die Sammlung keine konkrete Anleitung für einen offenen Dialog bietet, so öffnen Bohms Ausführungen doch die Augen dafür, wie unsere Kommunikation durch kulturelle und individuelle Erfahrungen geprägt wird und zeigt Lösungswege auf; hin zu einer offeneren und kreativeren Gesprächskultur. Ganz im yogischen Sinne.


Quellen:

Bhikkhu Analayo - Der direkte Weg - Satipattanah, Verlag Beyerlein & Steinschulte, Stammbach, 2010

David Bohm - Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen. Klett-Cotta Vlg, Stuttgart, 1998

Gerd Kempermann - Die Revolution im Kopf. Wie neue Nervenzellen unser Gehirn ein Leben lang jung halten. Droemer Vlg, München 2016

Manfred Zimmer - Der Dialog: Ein Quantenphysiker, ..., http://www.academia.edu/19516274/Der_Dialog_Ein_Qu...