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„Fast Fashion“ - Mode, Massenware, Schicksale

Das Textilmuseum St. Gallen hat am internationalen Museumstag, mit dem Thema „Mut zur Verantwortung! Sensible Themen im Museum“, zum Besuch seiner „Fast Fashion“ - Ausstellung eingeladen - und zu einer Diskussion darüber, wieviel Leid dem Museumsbesucher zugemutet werden kann.

Mode ist nicht nur eine Frage des guten Aussehens, sondern zunehmend auch eine Angelegenheit sozialer und ökologischer Verantwortung. Möchte ich immer nach der neuesten Mode gekleidet sein und hinnehmen, dass Menschen in Billiglohnländern meine ständig wechselnde Kleidung unter furchtbaren Bedingungen produzieren? Oder investiere ich Zeit und Mühe, um Modelabel zu finden, die Kleidung ökologisch und sozial verantwortungsvoll herstellen?

Dass die Antworten auf solche Fragen gar nicht so einfach und eindeutig ausfallen, wie man denken würde, erklärten Annina Weber und Silvia Gross vom Textilmuseum auf einer spannenden Führung und anschliessenden Diskussion im Rahmen der Ausstellung „Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode.“

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Einen Weg von etwa 40.000 km legt ein Kleidungsstück zurück, bis es bei uns im Laden ankommt.

Der Weg der Kleidung um die Welt

Die Ausstellung zeigt die weltumspannenden Wege der Kleidungsstücke vom Basismaterial, über Fertigung, bis zur Veredelung auf und macht deutlich, dass es auf diesen Wegen viele Menschen gibt, die für die schnelle Mode ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben opfern. Einige wenige verdienen gut daran: die Inhaber und Leiter der großen Handelsketten, die Zwischenhändler und Alttextilienunternehmer.

Für den Endverbraucher ist es sehr schwer nachzuvollziehen, wo und unter welchen Umständen die Kleidungsstücke produziert und bearbeitet wurden. In den meisten Ländern reicht ein letzter Produktionsschritt - wie zum Beispiel das Annähen der Knöpfe - um „made in...“ auf das Etikett drucken zu können. Damit ist leider immer noch nicht bekannt, wo Material, Stoff und Kleidung tatsächlich hergestellt wurden. Der genaue Weg der Kleidung bleibt im Dunkeln. Als Käufer kann man jedoch davon ausgehen, dass bei jeder schnellen und übermässig günstigen Produktion die Arbeiter in Billiglohnländern die Leidtragenden sind und die Umwelt unter dem massenhaften Einsatz von Chemikalien leidet.

Die Opfer der schnellen Mode

Die Aktivistin und Fotografin Taslima Akther hat den Zusammenbruch des Geschäftshauses in Bangladesh, bei dem im April 2013 mehr als 1000 Textilarbeiter den Tod fanden, mit ihrer Kamera festgehalten. Ihre Fotos nehmen einen zentralen Platz ein in der Ausstellung „Fast Fashion“. Sie sind eindrücklich und ergreifend. Sie regen aber auch zu der Frage an, wie man in einem solchen Kontext mit Bildern von Toten umgehen sollte. Sollte man, aus Respekt vor den Toten, darauf verzichten, sie zu zeigen? Oder ist es gerade das individuelle Gesicht des Todes, das den Museumsbesucher aufrüttelt und dazu anregt die eigenen Handlungen zu überdenken? In der Diskussion über diese Frage gingen die Meinungen der Besucher auseinander. Alle waren sich jedoch einig, dass ein Sichtbarmachen der negativen Aspekte von Mode nötig und richtig ist.

Für mich hat die Katastrophe von damals mit den Bildern von Akther ein ganz persönliches Gesicht bekommen. Ein Mann der seine Frau im Tod umarmt. Körper und Gesicht voller Schutt und Staub. Eine Tränenspur noch sichtbar auf der Wange.

Vor allem aus diesem Grund haben sich die Verantwortlichen des Museums wohl auch entschlossen, Akthers Bilder zu zeigen. Sie möchten eine Sensibilität für die Schicksale hinter den Kulissen und die möglichen Konsequenzen unserer Handlungen wecken. Kaufempfehlungen werden nicht ausgesprochen. Inspirationen für einen bewussten Umgang mit Kleidung und Mode werden aber viele geboten - vom Flicken der Kleidung, über Tauschbörsen, bis zur Darstellung der ökologischen und sozialen Vorteile von nachhaltiger, fairer Mode. (bd) ♦

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