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Langsam Reisen und sich selbst neu entdecken

Hat man das Gefühl, man tritt auf der Stelle und möchte sich weiterentwickeln - braucht neue Eindrücke, Ideen, ein Hinter-sich-lassen von den Regelmäßigkeiten des täglichen Lebens - dann kann es helfen, die Dinge mit anderen Augen zu betrachten. Das Reisen bietet dafür eine ideale Möglichkeit. Und zwar nicht das normale touristische Reisen - mit Flugreise, Reiseführer, gebuchtem Hotel, und geplanten Sehenswürdigkeiten - sondern das langsame, bewusste Reisen.

Aus der Komfortzone heraustreten

Wenn ich langsam reise, kann ich mich einlassen auf Orte, auf Menschen, auf Begegnungen, die vielleicht nicht in jedem Fall angenehm und schön sind, aber sehr wahrscheinlich interessant und spannend und vor allem anders. Manches Mal stosse ich hierbei vielleicht auch an meine Grenzen oder begegne meinen Ängsten. Eine Reise, bei der ich mich auf die Umgebung einlässt ist eine „Phase der Öffnung“, wie der Ethnologe Justin Stagl schreibt. Es ist eine Ausnahmesituation, in der ich aus meiner Komfortzone heraustrete und das eigene Leben und meine Gewohnheiten aus einer anderen Perspektive betrachten kann (Justin Stagl – Eine Geschichte der Neugier). Genau diese Offenheit ist im Yoga ein zentraler Aspekt für die eigene Entwicklung.

Zeit für das Andere

Hatha Yoga Pradipika - Offenheit

Reise ich mit dem Zug oder dem Schiff statt in ein Flugzeug zu steigen, dann gibt es zusätzliche Zeit für Begegnungen und Betrachtungen. Zeit mit mir allein und meinen Gedanken oder Zeit mit anderen Menschen und für Gespräche. Lasse ich mich ein auf andere Orte, auf andere Gewohnheiten und anderes Essen, dann begegne ich auch dem eigenen Leben ganz anders. Ich erkunde mich gewissermassen selbst - in der Auseinandersetzung mit dem Anderen. Und vor allem sehe ich immer wieder: es geht ja auch anders!

Dieses Einlassen auf etwas anderes ist ein ganz körperliches Erleben; nicht nur ein geistiges. Denn der Körper reagiert sofort auf neue Nahrung, ein anderes Klima, abenteuerliche Situationen. Im bewussten Erleben neuer Situationen komme ich in Kontakt mit mir selbst, mit dem, was mir wirklich wichtig ist, meinen innersten Werten. Gleichzeitig kann ich aber beim Reisen auch meine sozialen Rollen zu einem guten Teil hinter mir lassen; kann mich geistig entspannen, den Gegenpolen zum Alltag mehr Raum geben (Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus).

Just walk

Am Bodensee-Ufer

Reisen vor der eigenen Haustür

Für diese Art zu reisen muss ich nicht einmal in die Ferne schweifen. Ich kann das Neue auch vor der eigenen Haustür erleben. Tritt hinaus, laufe für ein paar Stunden – durch die Stadt, in das nächste Dorf, durch den Wald, in eine Gegend, in der Du noch nie gewesen bist - und erlebe Deine unmittelbare Umgebung neu und bewusst. „Just walk“!

Richte Deine ganze Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment. Frage Dich: was sehe ich um mich herum? Welche Farben fallen mir auf? Welche Geräusche kann ich hören? Wie fühlt sich der Boden unter meinen Füssen an? Atme ganz bewusst ein und aus und fühle Deinen Atem im ganzen Körper.

Bemühe Dich, offen zu sein. Spüre das Gefühl von Freiheit. Versuche, der Spontaneität und der Neugier Raum zu geben. Widerstehe der Versuchung Dein i-Phone zur Hand zu nehmen oder Photos zu machen. Nutze die Zeit, um die Umgebung auf Dich wirken zu lassen und die Menschen tatsächlich anzuschauen.

Überlingen - Café im Rathaus

Café im Rathaus - Überlingen

Achtsam in der Fremde

Reist Du tatsächlich in einer fremden Kultur, dann traue Dich auch dort, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, lerne vielleicht ein wenig von der Landessprache und scheue Dich nicht, die lokalen Gerichte – auch einmal an Strassenständen – zu kosten. Lasse Dich ein auf die ganz andere Lebensweise, aber nimm immer auch Rücksicht auf Dich selbst. Achte darauf, wann Dir das Fremde zuviel wird und gönne Dir immer wieder Ruhepausen. Nimm Dir die Zeit, Erlebnisse zu verarbeiten und unternimm lieber weniger. Scheinbar wichtige Sehenswürdigkeiten, die nur oberflächlich betrachtet und fotografiert werden, vermitteln längst nicht so viel Freude und Abenteuer wie das Zusammensein mit interessanten Menschen, die viel über ihre Kultur zu erzählen haben.

Schwimmender Markt Bangkok

Schwimmender Markt - Bangkok