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Auf eine andere Weise in der Welt sein - Lernen kann Begeisterung entfachen und Funken entzünden

In ihrem gemeinsamen Buch zur „Resonanzpädagogik“ tauschen der Soziologe Hartmut Rosa und der Pädagoge Wolfgang Endres sich aus; über Entfremdung in der Schule, über die Erfahrung von Resonanz und über die Bedeutung von Offenheit, Humor und wechselseitigem geistigem Berühren.

Für Hartmut Rosa ist die Geschichte der Moderne gleichzeitig eine Geschichte der Beschleunigung. Alles geschieht immer schneller, der Einzelne hat immer mehr Möglichkeiten und gleichzeitig immer weniger Zeit, seine Möglichkeiten zu nutzen. Bei all dieser Hektik geht den Menschen offenbar etwas Entscheidendes im Leben verloren. Der Gegenpol zur Beschleunigung ist aber nicht etwa Ent-schleunigung oder Langsamkeit. Sondern, wie Rosa meint, geht es

„...gar nicht um Langsamkeit per se. Kaum jemand findet Langsamsein als Selbstzweck gut, aber es geht darum, auf eine andere Weise in der Welt zu sein, auf eine andere Weise in Verbindung zu treten mit anderen Menschen, zum Beispiel auch mit unserer Arbeit und mit unserem Körper oder mit der Natur da draußen.“[1]

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Sich innerlich berühren lassen

Auf eine andere Weise mit der Welt in Beziehung zu treten meint, sich innerlich von den Dingen berühren zu lassen, sich verwandeln zu lassen und offen zu sein für neue und intensive Erfahrungen. Treten wir auf diese Art direkt mit der Welt in Kontakt, entsteht Resonanz. Im Zusammenhang von Lehren und Lernen kommt diesem Mitschwingen eine ganz besondere Bedeutung zu. Erst Erfahrungen der Resonanz ermöglichen es, dass Menschen innerlich wachsen, ein lebendiges Verhältnis zu Anderen, zur Natur, zu ihrem Körper und zu ihren eigenen Gefühlen entwickeln. Es braucht Momente des Verstandenwerdens, des Gehörtwerdens, des Zuhörens und Austauschens,

„so etwas wie eine Antwortbeziehung, wo wir das Gefühl haben, wir sind wirklich verbunden mit der anderen Seite, die geht uns etwas an, die können wir auch erreichen."[2]

Wenn Lernen misslingt - das Gegenteil von Resonanz

Die wenigsten von uns bringen wahrscheinlich ihre Erfahrungen in der Schule mit solch intensiven Situationen in Verbindung in denen sie Interesse und Bedeutung gespürt haben und in den Bann gezogen wurden von Geschichten, die sie verwandelten. Viele Schulstunden waren dagegen wahrscheinlich eher träge, langweilig, manche sogar demotivierend oder angsterfüllt.

Als misslingendes Bildungsgeschehen ist das Entfremdungsdreieck durch eine Situation charakterisiert, in der Lehrer, Schüler und Stoff sich im Grunde nichts zu sagen haben, und mehr noch: in der sie sich gleichgültig oder aber ablehnend und feindlich gegenüberstehen. Schule wird dann für alle Beteiligten zur Kampfzone [...]“[3]

Dabei scheint nicht nur eine Lebensfremdheit des Stoffes ein Problem zu sein, sondern vor allem die Art, wie Lehrende und Lernende miteinander und mit dem Lernstoff umgehen. Wo der Frontalunterricht die Regel ist und die Art der Vermittlung zum großen Teil vorgeschrieben wird, verliert der Lehrer schleichend das Vertrauen in seine Vermittlungsfähigkeit und der Schüler ist immer mehr der Überzeugung, dass ihn der Unterrichtsstoff nicht interessiert, dass er nicht versteht, was ihm vermittelt werden soll. In einer solchen Beziehung kann, laut Rosa, keine Resonanz entstehen und Lernen kann nicht dazu führen, dass Menschen sich entwickeln und verwandeln. Schule wird zu einem Raum der Fremdbestimmung und Entfremdung.

Resonanz ist das Gegenteil von Entfremdung. Aber ein einfaches Rezept für das Entwickeln von Resonanz gibt es leider nicht. Wie Rosa und Endres in ihrem Gespräch erkennen, gibt es kein festes Schema, keinen Kompass, der automatisch die Resonanz zwischen Lehrenden und Lernenden fördert. Jeder kann jedoch für sich einen Resonanzkompass entwickeln, denn es gibt bestimmte Voraussetzungen, die es ermöglichen, dass Resonanz überhaupt entstehen kann.

Voraussetzungen für Resonanz

Angstfreiheit ist eine Grundbedingung für das Sich-Einlassen auf Resonanzbeziehungen“, betont Rosa. Es muss für alle Beteiligten klar sein, dass Menschen Anerkennung suchen und Angst vor Missachtung haben. Deshalb sind gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen entscheidende Voraussetzungen für ein Verhältnis, in dem Resonanz entstehen kann. Eine Form des Lernens ist gefragt, in der Fehler nichts Schlechtes sind und in der Wege ausprobiert werden können, bei denen nicht sicher ist, ob sie ans Ziel führen. Für die Lernenden gilt es herauszufinden, was sie ansprechen kann und was sie innerlich zum Klingen bringt, ohne Angst vor Fehlern haben zu müssen.

Im lebendigen Dialog

Auch sollte der Lehrende davon überzeugt sein, etwas Wichtiges zu sagen zu haben. Seine Begeisterung für ein Thema kann Interesse schüren und zeigen, dass es relevant ist für das Leben. In diesem Versuch die Welt zum Sprechen zu bringen, kann Resonanz entstehen. Dabei ist Resonanz kein dauerhafter Zustand. Sie gelingt nicht immer und in jedem Fall. Und Resonanz ist nichts, was mit ständiger Harmonie einhergeht. Denn in einer Atmosphäre von Vertrauen und gegenseitigem Respekt dürfen auch Konflikte und Auseinandersetzungen sein an denen alle Beteiligten wachsen können.

Gegenseitiges Interesse und eine „Beziehung des Miteinander-Teilens“, wie es der Physiker David Bohm ausgedrückt hat, können einen bereichernden Dialog initiieren. Die eigene Stimme des Lernenden muss auf jeden Fall geäussert und gehört werden können. Denn nur wenn alle Seiten teilnehmen, kann gemeinsames Denken entstehen und Überraschendes und Neues sich ereignen.

Lernen aktiv mitgestalten

Vertrauen, Offenheit und Humor

Die individuelle Stimme, das persönliche Erleben, das Sich-Einlassen auf die Erfahrungen der Anderen, das Zulassen von Abwegigem und Plötzlichem ermöglichen Kommunikation, die zu einer Entwicklung führen kann und Selbstwirksamkeit fördert. Resonanz beginnt also in einem Raum gegenseitiger Offenheit und unbedingten Interesses. Humor ist darin ein wichtiges Element.

Lachen löst Verhärtungen und stiftet Veränderung. [...] Desinteresse und Lustlosigkeit sind ja Zeichen von Verhärtung. Gerade dann heisst es, die Situation mit Humor zu nehmen, um diese Verhärtung zu lockern. Humor ist eine Grundhaltung, mit Unzulänglichkeiten umzugehen. Dieses Lösen von Verhärtungen schafft ein Lern- und Arbeitsklima, in dem man Fehler machen darf. Dann ist Humor im Resonanzraum Schule ein starker Motivationsfaktor.“[4]

Offenheit, Vertrauen, gegenseitiges Interesse, Aufmerksamkeit, Mitgestaltung beider Seiten und Humor sind Voraussetzungen dafür, dass eine Resonanzachse sich öffnen und ein Resonanzdreieck zwischen Lehrer, Stoff und Schülern entstehen kann.

Der Wunsch Rosas nach Resonanz im Lernprozess ist kein einfacher. Er legt ein grosses Gewicht auf die Offenheit und persönliche Entwicklungsbereitschaft des Lehrenden. Ebenso ist auch das Buch von Hartmut Rosa und Wolfgang Endres keine einfache Anleitung für einen resonanzfördernden Unterricht. Es erfordert eine intensive Auseinandersetzung des Lesers mit dem Thema. Gleichzeitig lässt es aber auch unmittelbar die Begeisterung spüren, mit der beide Autoren sich dem Thema widmen. Die lebendige Gestaltung in Form eines persönlichen Gesprächs und die ansprechenden Fotografien bringen die Idee der Autoren auf den Punkt und öffnen die Augen für die Bedeutung einer intensiven, auf Resonanz ausgerichteten Weltbeziehung. Seit Beginn dieses Jahres gibt es zusätzlich zum Buch noch 48 Impulskarten mit konkreten Antworten darauf, wie sich Resonanzpädagogik in der Unterrichtspraxis umsetzen lässt.

Auch in anderen Lernkontexten (z.B. in der Erwachsenenbildung) ist die Suche nach Resonanz erstrebenswert. Sind wir in Resonanz, lassen wir uns von Teilen der Welt ansprechen und machen die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Wir gehen mit uns selbst und anderen wertschätzend um. Das lenkt unseren Fokus weg von dem Verlangen nach Aneignung und betont, statt dessen Momente der Verwandlung und Selbst-Entwicklung.


1) www.deutschlandradiokultur.de/soziologe-hartmut-ro...

2) www.deutschlandradiokultur.de/soziologe-hartmut-ro...

3) Hartmut Rosa - Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2016

3) Hartmut Rosa, Wolfgang Endres - Resonanzpädagogik. Wenn es im Klassenzimmer knistert. Beltz Verlag, Weinheim, Basel, 2016