Schöpferische Kraft

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ÜBER INTERESSE, NEUGIER UND LANGEWEILE

Die Autorin widmet sich dem Spannungsfeld von zwei wichtigen Emotionen, die zwar unmittelbar aufeinander bezogen sind, sich aber scheinbar immer wieder gegenseitig ausschliessen: dem Interesse und der Langeweile. Ebenso wie Angst und Neugier sind sie von Natur aus antagonistisch. Diesen Gegensatz sieht Verena Kast als Ursprung und Chance für ein individuelles schöpferisches Potential.

Sind wir an etwas interessiert oder haben wir bestimmte Interessen, dann entwickeln wir uns weiter, drücken unsere Persönlichkeit aus, fühlen uns lebendig. Langeweile hingegen ist ein Gefühl der Öde, Lustlosigkeit, der Leere. Sie ist ohne Lebendigkeit – oder so kommt es uns zumindest vor.

Sich zu langweilen erscheint uns als wenig erstrebenswert, und zeigt sogar manchmal Anklänge an depressive Zustände. Deshalb gehen wir der Langeweile lieber aus dem Weg. Wir suchen uns immer neue Dinge, mit denen wir uns oberflächlich beschäftigen können. Aber gerade dieser ständige Drang nach Beschäftigung und Ablenkung führt zur Verschwendung von Energie und letztendlich zu Erschöpfung. Man verwendet zu viel Energie für Dinge, die einen nicht wirklich anziehen.

Hier kann die Langeweile hilfreich sein. Wie Kast erklärt, muss Langeweile „ein Interesse in sich haben, das es zu enthüllen gibt.“ Das kann gelingen, wenn man sie nicht abwehrt, sondern sich auf sie konzentriert und sie zulässt. Hier folgt die Autorin dem Prinzip der Achtsamkeit, ohne sich ausdrücklich darauf zu berufen. Lässt man die Langeweile zu, wendet diese die Aufmerksamkeit nach innen, regt die Phantasie an und hilft uns mit unserem schöpferischen Potential in Verbindung zu treten.

Eine Phase der Langeweile kann helfen zu den eigenen Interessen zu finden, eine ursprüngliche Neugier wieder zu entdecken, sein Leben zu überdenken und Anstösse für neue Wege zu finden. Man übernimmt Verantwortung für die eigene Stimmung und hat nicht mehr das Bedürfnis von aussen stimuliert zu werden.

Erhofft man sich konkrete Anleitungen dafür wie man sein Interesse steigern und Zeiten der Langeweile nutzen kann, dann wird man sie in diesem Buch nicht auf den ersten Blick finden. Der Leser ist gefordert sich aktiv auf die Suche zu machen nach den Informationen die ihm weiterhelfen könnten. Man spürt, dass der Text als Vorlesung konzipiert wurde und einiges an Hintergrundwissen voraussetzt. Und doch kann man, wenn man aufmerksam liest, eine Fülle von Informationen entdecken die einem helfen können sich seiner wirklichen Interessen bewusst zu werden, sich Zeit zu nehmen, sich mit Angst, Ärger und Komplexen auseinanderzusetzen und sich selbst nicht (mehr) als Opfer der Umstände zu sehen. Insgesamt bietet die Autorin ein gehaltvolles Buch, das vom Leser eine aktive Mitarbeit fordert wenn er davon profitieren möchte – also nichts für zwischendurch, aber sehr lesenswert!

VERENA KAST – SCHÖPFERISCHE KRAFT ENTDECKEN. VOM INTERESSE UND VOM SINN DER LANGEWEILE, HERDER VERLAG, FREIBURG I.B., 2015


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