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Trauma-Yoga in der Therapie

Die Einbeziehung des Körpers in die Traumabehandlung

Eine Anleitung für Therapeuten - von David Emerson

In seinem zweiten Buch zum Traumasensiblen Yoga (TSY), widmet sich David Emerson sehr intensiv der praktischen therapeutischen Arbeit mit Klienten, die unter komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen (CPTSD) leiden. Yoga, wie Emerson es versteht, kann ein wertvolles Mittel sein, um stark traumatisierten Menschen zu helfen, mit ihrem Körper wieder in Kontakt zu treten und sich wieder lebendig zu fühlen. Denn komplexe Traumata entfernen den Betroffenen von der Fähigkeit, Körperempfindungen wahrnehmen zu können.

Ein traumatisierter Körper war über lange Zeit das Objekt der Aktivität anderer Menschen; ...“, betont Emerson. Ein Objekt, über das rücksichtslos Macht ausgeübt wurde. Der Körper speichert dieses Leiden. Traumatische Erinnerungen verdrängen die Möglichkeiten den Körper wahrnehmen zu können und erschweren es, Neues zu lernen oder zielgerichtet zu handeln. Der Körper bleibt im Trauma gefangen – ein Zustand der zu Selbsthass, Selbstverurteilung, Scham und Furcht führt. Ist ein Trauma so tief im Körper verwurzelt, führen kognitive Ansätze der Therapie oft nicht weiter. Wendet man sich jedoch dem Körper zu, kann man Betroffenen Übungen nahebringen, die es ermöglichen, Empfindungen langsam wieder wahrzunehmen und eine neue Beziehung zum eigenen Körper aufzubauen.

Der zentrale Aspekt des TSY ist die Interozeption, die unmittelbare innere Wahrnehmung. Es kommt nicht darauf an, dem körperlichen Erleben einen Sinn abzugewinnen, sondern Empfindungen einfach zu registrieren und hier und jetzt mit ihnen zu interagieren. Das körperliche Erleben stehe für sich, betont Emerson, denn „schon die physische Bewegung allein kann heilend wirkende Erlebnisse ermöglichen“.

In dieser Konzentration auf die innere Wahrnehmung sieht Emerson auch den hauptsächlichen Unterschied des TSY zu anderen, populären Yogaformen. Bei den Körperübungen des Traumasensiblen Yoga kommt es nicht darauf an, den Körper, nach den Vorstellungen eines anderen, in eine bestimmte äussere Form zu versetzen. Wichtig ist, dass die Macht der Entscheidung auf jeden Fall beim Klienten bleibt. Der Betroffene selbst entscheidet darüber, ob und wie er zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Übung oder eine „Yoga-Form“ ausüben möchte. TSY ist ein gemeinsames Experimentieren von Klient und Therapeut mit Übungen und Formen, um den Körper innerlich zu erleben.

Mit dem Aufbau seines Buches folgt Emerson dem Prozess zunehmender Integration innerhalb der Therapie. In der Praxis verläuft dieser Prozess zwar meistens nicht linear, sondern führt kreisförmig in eine zunehmende Tiefe und Entwicklung des Erlebens. Von der Möglichkeit überhaupt eine Bewegung im Körper spüren zu können, der Interozeption, führt der Prozess über das Fördern der Entscheidungsfähigkeit in der Therapie, zu effektivem Handeln, in eine vertiefende Präsenz, zunehmende Muskeldynamik und Atemarbeit, und zu der Entdeckung von Rhythmus und Zeitgefühl. Die Entwicklungen innerhalb dieses Prozesses sind durch Beispiele aus der Praxis immer wieder anschaulich illustriert und gut nachvollziehbar dargestellt. Verweise auf wissenschaftliche Grundlagen bieten dem Leser die Möglichkeit zu eigenen, vertiefenden Studien.

Im abschließenden Kapitel findet sich eine Sammlung von im Trauma Center Brookline/Boston häufig verwendeten Yogaübungen. Dem Ziel des TSY folgend wird keine der Übungsformen mit bestimmten therapeutischen Zielen verbunden. Die Übungen werden von Emerson als Angebot verstanden, mit dessen Hilfe der Therapeut seine Klienten dazu einladen kann, Empfindungen in ihrem Körper zu erfahren und auf verschiedene Arten, nach eigenen Wünschen mit diesen Empfindungen zu interagieren. Alle beschriebenen Yogaformen lassen sich im Sitzen, auf einem Stuhl üben - was ihre Ausführung auch in einer kleineren Praxis gut möglich macht.

David Emersons Ausführungen merkt man deutlich an, dass sie sich unmittelbar aus der kritischen Auseinandersetzung mit der therapeutischen Arbeit entwickelt haben. Er bietet wertvolle Hinweise auf Fehler, die man vermeiden sollte und auf wichtige Voraussetzungen, die in der Arbeit mit traumatisierten Klienten beachtet werden sollten. Für klinisch erfahrene Therapeuten bietet sein Ansatz eine gute Möglichkeit ihren Klienten auf sorgfältige Art einen neuen Zugang zu ihrem Körper zu ermöglichen – vorausgesetzt sie haben einen guten Zugang zu ihrer eigenen interozeptiven Wahrnehmung und können diese authentisch vermitteln. Doch auch Yogalehrer können sich von Emersons Arbeit inspirieren lassen und von dem einfühlsamen, achtsamen Ansatz der Körperarbeit profitieren.

David Emerson - TRAUMA-YOGA IN DER THERAPIE. Die Einbeziehung des Körpers in die Traumabehandlung. EINE ANLEITUNG FÜR THERAPEUTEN, Probst Verlag, Lichtenau, 2015