Eine Frau steht in der Yogahaltung "Baum" auf einem Steg am Meer

"Hanna Somatics" - Bewusste Bewegungen verbinden uns mit uns selbst

Inneres Fühlen und äussere Beweglichkeit sind eng miteinander verbunden. Wer sich eine neue Beweglichkeit wünscht, kann lernen seine innere Wahrnehmung zu kultivieren und die angeborene Intelligenz des Körpers wiederzubeleben. Der Philosoph und Bewegungstherapeut Thomas Hanna hat ein neuro-muskuläres Training entwickelt, das hilft, Gelenke beweglicher zu machen, Asymmetrien auszugleichen und sich in seinem Körper wieder zuhause zu fühlen. Hanna war der Überzeugung, dass sich alle unsere Erfahrungen zu jedem Zeitpunkt des Lebens in körperlichen Mustern niederschlagen können. Sind diese Erfahrungen einschneidend und negativ oder wiederholen sich immer wieder, können sie zu chronischen Verspannungen, Unbeweglichkeit und zu Schmerzen führen. Wir glauben, diese Muster hätten mit dem Alter zu tun, dabei sind sie Hannas Meinung nach „nur“ eine Form eines chronischen „Sich-Selbst-Nicht-Fühlen-Könnens“, eine sensomotorische Amnesie, die uns den Kontakt zu unserem Körper, unseren Gefühlen und unserem „In-der-Welt-sein“ verlieren lässt.

Die alltägliche Unbeweglichkeit und der Mythos des Alterns

Weil er sich nicht damit abfinden wollte, dass der angebliche Alterungsprozess uns Menschen immer unbeweglicher und steifer macht, entwickelte Thomas Hanna eine Bewegungsform, die heute als „Hanna Somatics“ oder „Clinical Somatics“ bekannt ist. Der amerikanische Philosoph - der 1990 bei einem Autounfall ums Leben kam - war sich sicher, nicht das Alter, sondern tägliche Belastungen und traumatische Erfahrungen sind für Muskelverspannungen, Kontraktionen, Steifheit und Schmerzenverantwortlich. Hanna war davon überzeugt, unser körperlicher Verfall und unsere alltägliche Unbeweglichkeit würden durch den Glauben gefördert, dass das Alter zwangsläufig mit Degeneration verbunden ist. Denn dieser Glaube hindert uns daran, unsere Situation selbst in die Hand zu nehmen und aktiv zu verändern.

Durch Stress, Verspannungen und Traumata verlieren wir das Gefühl für uns selbst

Alles, was wir in unserem Leben erfahren, wirkt sich auf den Körper aus. Alle Erfahrungen sind körperliche Erfahrungen. Wir können gar nicht anders, als alle Gefühle und Gedanken in und mit unserem Körper zu erleben. Und die spezifischen Muskel- und Gewebereflexe mit denen wir auf immer wiederkehrende alltägliche Belastungen reagieren, erzeugen das, was Hanna als sensomotorische Amnesie (SMA) bezeichnet hat.

Sie ist ein Verlust an Erinnerung daran, wie sich bestimmte Muskelgruppen anfühlen und wie man sie kontrollieren kann,“

schreibt Hanna (in: Beweglich sein ein Leben lang). Weil Gefühle, die uns belasten aber nicht bis an die Oberfläche dringen können, alle Gewebeschichten beeinflussen, werden sie zu einem Teil unseres Seins, der unterschwellig immer mitschwingt. Ein Mensch, der ständig bedrückt ist, „wird sich entsprechend seiner Gefühlslage bewegen“, wie der Bewegungstherapeut Peter Schwind betont (in: Faszien. Gewebe des Lebens).

Und er wird auch dementsprechend atmen. Sein Atem wird nicht sehr tief sein. Manchmal hat er vielleicht das Gefühl, dass etwas seine Brust zusammenschnürt.“

Während unser Körper sich mehr und mehr verspannt, verlieren wir die Verbindung zu ihm und spüren uns schliesslich selbst nicht mehr. Statt dessen, verlieren wir uns gedanklich in Ängsten und Sorgen, Wut oder Frust. Ein stresserfüllter, ungeliebter Alltag gräbt sich in unseren Körper ein, erzeugt ganz bestimmte Muster und unterbricht so die Verbindung zu unserer Körperwahrnehmung. Wir sind uns dieses Verlustes meist nicht bewusst, aber er beeinflusst uns, bis in unser Innerstes.

Sensomotorische Amnesie hängt in keiner Weise mit dem Alter zusammen. Sie kann jederzeit auftreten. Auch junge Menschen können chronische Kontraktionen und Spannungen entwickeln und das Gefühl für ihren Körper völlig verlieren. Je älter wir werden, desto länger können diese Einflüsse wirken, wenn wir sie nicht erkennen und uns bewusst machen. So werden sie oft, fälschlicherweise, dem Alter zugeschrieben. Ein Mythos, der sich hartnäckig hält.

Hannas Erkenntnis basiert auf den philosophischen Grundlagen von Phänomenologie und Existenzialismus; greift aber auch zurück auf Ideen des klassischen Yoga und Buddhismus, die die Ursache des menschlichen Leidens in geistigen Gewohnheiten und Mustern- samskara - sehen, die uns daran hindern mit unserer innersten Natur und mit der Welt um uns herum unmittelbar und unverbaut in Kontakt zu treten.

Hannas Sicht wird durch Beobachtungen der modernen Faszien-Forschung untermauert. Viele Rezeptoren im faszialen Gewebe, sowie freie Nervenendigungen, sind mit dem vegetativen Nervensystem verbunden und leiten Spannungen direkt an das Nervensystem weiter. Umgekehrt kann das vegetative Nervensystem auch die Spannung der Faszien beeinflussen. Bewege ich mich also achtsam und sehr bewusst, kann ich mein Nervensystem und meine Emotionen in Balance bringen und gleichzeitig den ganzen Organismus entspannen.

Achtsame Bewegungen bringen uns in unser inneres Gefühl zurück

Durch somatisches Lernen - wie es von Thomas Hanna auf der Grundlage der Feldenkrais-Methode entwickelt wurde - können wir mithilfe sorgfältig ausgeführter, bewusster Bewegungen und willentlich erzeugter Spannungszuständen unser inneres Gefühl langsam wiederentdecken. Mit kleinsten Bewegungen und minimalen Wahrnehmungen beginnen wir unsere Beweglichkeit leicht zu verbessern, was wiederum unsere Wahrnehmung des entsprechenden Körperbereichs erhöht. So wird langsam das Bewusstsein für den Körper wieder aufgebaut und den Schmerzen der Boden entzogen.

Gleichzeitig beruhigen wir das Nervensystem und bringen es wieder in Balance. Wie auch Joanne Avison in ihrem Buch über Faszien, Anatomie und Bewegung im Yoga schreibt, haben bewusst wahrgenommene Bewegungen das Ziel, uns aus den Spiralen unseres begrifflichen Denkens raus und in den Körper hineinzubringen. Heilsame, einfach und bewusst ausgeführte Bewegungen können dazu führen, sich wieder beweglich und gesund zu fühlen - in jedem Alter.


Short & Sweet:

1 „Inneres“ Fühlen und „äussere“ Beweglichkeit sind eng miteinander
verbunden. Gefühle, Geist und Körper sind in jede unserer Erfahrungen
eingebunden.
2 Gewohnheiten, Traumata und anhaltende Gefühlszustände wirken sich auf
den ganzen Organismus aus und können chronische Spannungsmuster
erzeugen.
3 Eingeschränkte Beweglichkeit und Schmerzen haben nicht zwangsläufig
etwas mit fortgeschrittenem Alter zu tun, sondern können auf
sensomotorischer Amnesie (verminderter Körperwahrnehmung) beruhen und
in jedem Alter auftreten.
4 Kleine, achtsame, in Verbindung mit dem Atem ausgeführte Bewegungen
und bewusst erzeugte Spannungszustände können die Körperwahrnehmung
wieder verbessern, Gewebespannungen lösen und die innewohnende Intelligenz
des Organismus wecken.


Beweglich sein und bleiben

Thomas Hannas Buch „Beweglich sein ein Leben lang“ ist inzwischen zu einem Klassiker der Bewegungs-Literatur geworden. Anschaulich und sehr direkt erklärt er die Grundlagen seiner Theorie der körperlichen Muster und sensomotorischen Amnesie anhand von Fallbeschreibungen. Im zweiten Teil des Buches ist eine Auswahl von einfachen und wirkungsvollen Übungen zusammengestellt und gut erklärt.

Hannas Übungen lassen sich sowohl in der Einzelarbeit von Bewegungstherapeuten verwenden, als auch in den Gruppenunterricht einbauen. Zu Beginn einer Yogastunde geübt, verbinden uns die Übungen unmittelbar mit unserer Körperwahrnehmung und verfeinern das Gefühl für wenig spürbare Körperregionen. Die Übungen wecken die innewohnende Intelligenz des Körpers und lassen uns Yoga-Asanas vollständiger und von innen heraus erleben, anstatt sie nur als äussere Form zu begreifen.


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