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Sitzender Buddha

Sind moderne Formen des Yoga nicht authentisch, weil sie Patanjali`s Lehre nicht genau widerspiegeln?

Aus konservativen hinduistischen Kreisen gibt es immer wieder Kritik an den zeitgenössischen Formen des Yoga, weil sie angeblich nicht mit dem klassischen Ansatz des Yoga übereinstimmen. Trifft dieser Vorwurf tatsächlich zu oder ist die Warnung vor einem unauthentischen modernen Yoga übertrieben?

Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Denn sobald wir erkennen, dass sich die Praxis des Yoga über einen sehr langen Zeitraum hinweg entwickelt hat und verschiedenste philosophische Strömungen umfasst, können wir nicht mehr sagen, Yoga sei entweder so oder so. Während klassische Yogalehren sehr auf den Geist ausgerichtet waren, konzentrierten sich tantrische Ansätze auf die Bedeutung des Körpers als Ausdruck des Göttlichen und der Hatha Yoga wiederrum richtete sich auf das Aktivieren ruhender Energien, um Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern, aber auch um übernatürliche Kräfte zu erwecken (Sutton, 2016: 123;181). Sowohl die Ziele, als auch die Mittel der Yogalehren wurden immer wieder auf veränderte Bedürfnisse und andere historische Gegebenheiten ausgerichtet und neu angepasst.

Trotz dieser Unterschiede hat es aber auch immer wieder Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Yogapfaden gegeben. Von unserem heutigen, entfernten Standpunkt aus gesehen, scheint sich der Aspekt der persönlichen Transformation und Veränderung wie ein roter Faden durch die Geschichte des Yoga zu ziehen. Über Jahrhunderte hinweg zeigte sich immer wieder, dass die persönliche Entwicklung des Yogaschülers im Mittelpunkt der verschiedenen Ansätze steht und die Basis der Praxis bildet; auch wenn sich die tatsächlichen Ziele und die äusseren Gegebenheiten der verschiedenen Yogalehren im Laufe der Zeit teilweise entscheidend verändert haben (Sutton, 2016: 1; 189-190).

Die wechselvolle Geschichte des Yoga wird häufig verkannt

Was würde eine heutige Yogalehrerin auf den Vorwurf erwidern, dass ihre Art Yoga zu üben nicht authentisch sei, weil die Betonung der körperlichen Praxis sich ganz und gar von der klassischen Lehre des Patanjali unterscheidet? Die Antwort auf diese Frage hängt ganz sicher davon ab, wie gut sich die Yogalehrerin mit der Geschichte des Yoga auskennt. In Yogaausbildungen und Handbüchern werden die unterschiedlichen historischen Strömungen und philosophischen Ansätze oft nicht eindeutig unterschieden. Aus diesem Grund ist vielen Yogalehrern die bunte und wechselvolle Geschichte des Yoga nicht wirklich bekannt und sie entwickeln einen einseitigen und «mononchromatischen» Blick auf das, was Yoga ist und tut (Mallinson, Singleton; 2017: ix).

Wenn ich auf meine eigenen Erfahrungen in der Yogalehrerausbildung zurückschaue, dann hätte ich auf den Vorwurf, dass meine Praxis unauthentisch ist, sicher vor ein paar Jahren noch mit Empörung reagiert. Ich war davon überzeugt, dass die klassischen Ansätze des Yoga sorgfältig in die heutige Praxis integriert wären; denn schliesslich wurden ja in den meisten Ausbildungen zumindestens Ausschnitte aus Patanjali`s Yoga Sutras, der Bhagavad Gita und der Hatha Yoga Pradipika gelesen und besprochen.

Zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, wie komplex die Geschichte des Yoga tatsächlich ist und dass es ein viel weiteres Spektrum an historischen Quellen gibt. Ich kannte mich weder mit den philosophischen und sozialen Unterschieden der unterschiedlichen Yogaströmungen aus, noch mit den Umdeutungen und Neuformulierungen, die in der Geschichte des Yoga immer wieder stattgefunden haben. Aber ich muss zugeben, dass sich während meiner verschiedenen Yogaausbildungen immer mal wieder ein leichtes Gefühl von Unbehagen eingestellt hat, wenn mir klar wurde, wie gross doch eigentlich der Unterschied ist zwischen meiner körperlichen Art Yoga zu üben und der klassischen Meditationspraxis, wie sie in den Yoga Sutren beschrieben wird.

Meiner Meinung nach resultiert solch ein unterschwelliges Unbehagen und eine Orientierungslosigkeit heutiger Yogalehrer sehr oft aus der undifferenzierten Vermischung verschiedener philosophischer Ansätze zu einem umfassenden, aber manchmal leider auch beliebigen System. Ein solch neues Yogasystem ist zwar sehr gut an die Bedürfnisse heutiger Yogaschüler angepasst, verschleiert aber gleichzeitig die tatsächlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen historischen Formen des Yoga.

So verbindet zum Beispiel die «Yogamrita» - ein Handbuch für die Ausbildung von Kriya-Yogalehrern – die dualistische Samkhya Philosophie mit dem nicht dualistischen Hintergrund des Advaita Vedanta, integriert gleichzeitig Hatha Yoga Quellen und erklärt den menschlichen Körper auf der Grundlage des tantrischen Menschenbildes. Ergänzt durch Patanjali`s Anweisungen für die Meditation werden hier mindestens vier verschiedene philosophische Ansätze, die in einem zeitlichen Rahmen von ungefähr tausend Jahren entstanden sind, miteinander vermischt, ohne dass auf die Unterschiede hingewiesen wird ((Dhirananda, Wicht, 2020).

Im modernen Yoga vermischen sich also verschiedene historische Ansätze, umschlossen von einem Rahmen aus zeitgenössischer Komplementärmedizin. Vor zehn oder fünfzehn Jahren wäre mir diese Art der Darstellung als sehr vernünftig und normal erschienen. Denn ich wusste einfach zu wenig über die Hintergründe indischer Philosophie und hätte den Vorwurf, dass meine Yogapraxis nicht authentisch sein könnte, wahrscheinlich weit von mir gewiesen.

Patanjali`s Ansatz und der heutige Yoga stimmen nicht überein

Heute, nachdem ich die Möglichkeit hatte einen kritischeren Blick auf die Geschichte und die Philosophien des Yoga zu entwickeln, wäre ich sehr viel vorsichtiger mit einer definitiven Äusserung über die Authentizität oder Nicht-Authentizität unserer modernen Yogapraxis. Mittlerweile bin ich mir bewusst, dass eine Kritik an der heutigen Form des Yoga, im Vergleich zu Patanjali`s Lehre, durchaus eine Berechtigung haben kann. Der sogenannte klassische Yoga hat sich damit beschäftigt den Geist zu kontrollieren, um die Materie des Körpers zu überwinden und die wahre Natur des Yogis als ewige Seele oder purusha zu enthüllen (Sutton, 2016: 80).

Schon im einfachen Vergleich der Lebensweisen eines Anhängers von Patanjali und eines heutigen Yogaschülers, zeigen sich die entscheidenden Unterschiede der beiden Ansätze. Der wichtigste Grundsatz von Patanjali`s Yoga ist der Rückzug aus der normalen Alltagswelt in ein asketisches Leben und die Suche nach der wahren Erkenntnis. Die Praxis des klassischen Yoga sollte eine Gleichgültigkeit gegenüber der Welt hervorbringen, um die Illusion zu überwinden, dass das wahre Selbst in unserem Körper oder unserer Persönlichkeit liegt. Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine intensive, Jahre dauernde Praxis erforderlich. Der Yogi übt allein; hält sich an feste ethische Grundsätze; sitzt stundenlang in meditativer Versenkung und erreicht unter Umständen einen Zustand von kaivalya – Freiheit von karma und dem Zyklus der Wiedergeburten – nachdem er seinen Körper verlassen hat. In diesem Prozess liegt die Betonung auf der Loslösung des wahren Selbst und die Erlösung von den Illusionen des Geistes; sie liegt nicht in der harmonischen Verbindung von Körper, Geist und Seele (cf. Sutton, 2016: 13; 77 ff.).

Heutige Yogaschüler dagegen, leben ein Leben, das tief mit der materiellen Welt verwoben ist. Sie üben eine Yogapraxis, die aus körperlichen Haltungen besteht; sie möchten ihre Gesundheit verbessern und den negativen Auswirkungen von Stress und Erschöpfung entgegenwirken. Wie die Anthropologin Sarah Strauss betont, sucht ein zeitgenössischer Yogi nach einer Art «physischem grounding, das ihr oder ihm erlaubt, sich mit der materiellen Welt verbunden zu fühlen, durch das Atmen, das Strecken der Muskeln und das Fühlen von sich selbst im Raum.» (Strauss, 2005: 127). Die heutige Yogapraxis dient als “time out” vom stressigen Alltag, ohne die Verpflichtung alles hinter sich zurückzulassen und ein asketisches Leben zu führen, aber mit der Sehnsucht nach Harmonie und Balance zwischen Körper, Geist und Seele.

Unterschiede anerkennen, nicht verbergen

Diese Unterschiede zwischen alten und neuen Yogaformen sollten nicht verborgen, sondern enthüllt und erklärt werden. Trotzdem ist es nicht notwendig, die Verschiedenheit der Ansätze als ein Zeichen für die Nicht-Authentizität des modernen Yoga zu deuten. Sie sind eher ein Zeichen für die geschichtliche Distanz zwischen zwei verschiedenen Philosophien. Über 1500 Jahre an historischen, kulturellen und sozialen Veränderungen haben das Gesicht des Yoga entscheidend verändert. Der moderne Yoga spiegelt die Bedürfnisse unserer Zeit wider, während Patanjali`s Yoga einer vergangenen Zeit angehört, die aber immer noch wertvolle Impulse liefern kann für die persönliche Entwicklung. Diese Unterschiede gilt es zu erkennen und anzuerkennen. Dafür ist es nötig, alte Texte sorgfältig und genau zu übersetzen und im historischen Kontext zu interpretieren, um nicht die eigene Anschauung in eine alte Philosophie «hineinzulesen». Ein Vorgehen, wie es zum Beispiel im Hatha Yoga Project der University of London beispielhaft umgesetzt wird.