Patanjali und das Yogasutra

Wie eng ist seine Verbindung zum Modernen Yoga?

Jeder, der sich für Yoga interessiert, trifft wahrscheinlich früher oder später einmal auf das Yoga Sutra des Patanjali. Im post-modernen, zeitgenössischen Yoga nimmt das Yoga Sutra eine ganz besondere Position ein. Es gilt als der Ur-Text des klassischen Yoga, als Symbol altehrwürdiger Authentizität und Rückverbindung zur indischen Tradition. Aber wie eng ist die Verbindung zwischen dem damaligen und heutigen Yoga wirklich?

Wer sich die moderne Yoga Praxis genau anschaut und daraufhin den Text des Yoga-Sutra liest, dem kann es eigentlich nur schwerfallen, diese enge Verbindung tatsächlich sofort zu entdecken.

  • Auf der einen Seite gibt es die ethische und meditative Praxis des Yoga-Sutra und das Beruhigen der Bewegungen des Geistes. Man sitzt in einer aufrechten Haltung, strebt geistige Versenkung, unmittelbare Erkenntnis und letztendlich die Befreiung vom Leiden an.
  • Auf der anderen Seite steht die moderne Yoga Praxis. Hier bewegt man sich, nimmt zahlreiche unterschiedliche Körperhaltungen - Asanas - ein, übt einen begleitenden Fundus an Atem- und Meditationsübungen und strebt vor allem nach persönlicher Zufriedenheit, Gesundheit und Glück.

Falsche Übersetzungen stiften Verwirrung

Versucht man trotzdem, diese beiden sehr unterschiedlichen Übungsstile miteinander zu vereinbaren und das Fundament der heutigen Asana-Praxis im Yoga Sutra wiederzufinden, dann führt das in vielen Fällen zu teilweise sehr zweifelhaften Übersetzungen und Interpretationen, die dem alten und spannenden Text in keiner Weise gerecht werden.

Einen Vers in dem es um die meditative Versenkung (samadhi) geht, wie

tivra-samveganam-asannah (YS I.21),
findet man so schon mal in folgender, falscher

Übersetzung wieder:

„The highest yogic results will come quickly to those who practice asana intensely on a daily basis“.²

Tatsächlich bedeutet der Vers; nahe am Original übersetzt:

Den intensiv Strebenden ist (die Versenkung) nahe.“¹
  • tivra – intensiv
  • samveganam – den Strebenden
  • asannah – nahe, in der Nähe

Tatsächlich geht es in dem Vers des Yoga Sutra um die meditative Versenkung. Doch durch den Wunsch, die eigene, moderne Praxis mit dem überlieferten Wissen zu verbinden, wird die Versenkung in die tägliche Asana-Praxis verwandelt.

Asannah wird im ersten Beispiel falsch verstanden als ein Begriff, der sich auf die Körperhaltung bezieht; verwechselt mit dem Wort "asana" (Sitz). Im vorliegenden Fall bedeutet asannah aber tatsächlich soviel wie „nahe“ oder „in der Nähe“. Der erste Übersetzungsversuch geht also an der Bedeutung des Verses vorbei. Beide Übersetzungen des gleichen Verses haben eine völlig unterschiedliche Bedeutung. Die bessere Übersetzung ist an den inneren Sinn der Verse angelehnt und berücksichtigt deren historischen und philosophischen Hintergrund. In der ersten Version dagegen möchte der Übersetzer unbedingt einen Zusammenhang zwischen der Schrift Patanjalis und der täglichen Asana-Praxis eines modernen Yogaschülers sehen und versäumt es so, den wirklichen zeitgeschichtlichen und philosophischen Hintergrund im Auge zu behalten.

Die Erkenntnisse des Yoga Sutra beruhen nämlich zum großen Teil auf der damals vorherrschenden Theorie des Samkhya. In seiner Meditation wollte der Yogi zu Zeiten Patanjalis die materiellen Aspekte des Lebens (prakriti) – und damit auch den Körper - überwinden und den geistigen Aspekt (purusha) von den Auswirkungen der Materie befreien, um Erkenntnis zu erlangen (L. Geldsetzer - Die klassische indische Philosophie, Vorlesungen an der HHU Düsseldorf).

Es ist also eher unwahrscheinlich, dass der Yoga des Yoga Sutra die Verwirklichung mithilfe von Körperübungen beschreibt, da die Verbindung mit der körperlichen Natur ja gelöst werden soll.

Und tatsächlich hat man auch bis heute keinen Nachweis für eine Praxis von speziellen Körperbewegungen im Kontext des klassischen Yoga gefunden, die über sitzende (Meditations-) Haltungen hinausgehen. Die ältesten Quellen, die sich ausdrücklich mit unterschiedlichen Körperbewegungen des Yoga beschäftigen, stammen aus dem Mittelalter (G. Bühnemann - Eighty-four Asanas in Yoga: A Survey of Traditions).

Patanjali - Symbol des modernen Indien

So wie es heute aussieht, geht die Autorität des Patanjali, der sich heute so viele Yoga-Praktizierende verpflichtet fühlen, vor allem auf eine Konstruktion des 19. Jahrhunderts zurück. Nach Ansicht Mark Singletons wurde die Autorität des Yoga Sutra zu einer Zeit populär gemacht, als man in Indien nach einer neuen Identität und einem neuen Selbstwertgefühl suchte. Um sich von den Kolonialherren abzugrenzen, suchte man nach philosophischen Schriften, die den westlichen Philosophien ebenbürtig waren. Man wollte die eigene Tradition aus der Magie und dem Mystizismus des Tantra herausheben. Und die klare und strukturierte Darstellung des Yoga Sutra eignete sich sehr gut als Modell für eine moderne indische Philosophie.

Swami Vivekananda, der 1893 auf dem Weltparlament der Religionen die Vereinbarkeit von Spiritualität und Wissenschaft vertreten hatte, unterstützte zusammen mit indischen Intellektuellen und westlichen Orientalisten die „Formation eines neuen Patanjali, im Dialog mit westlicher Philosophie und Neo-Hinduismus“ (Mark Singleton – Yoga in The Modern World: Contemporary Perspectives).

Zu dieser Zeit war der Patanjali Yoga offenbar kein wirklich lebendiges philosophisches System mehr, denn man konnte - für neue Übersetzungen – fast keine Gelehrten finden, die dieses System noch unterrichteten. Auch in mittelalterlichen Schriften taucht Patanjalis Yoga Sutra nur als eines von vielen unterschiedlichen Systemen des Yoga auf. Eine ununterbrochene Yoga-Tradition, die auf der alleinigen Grundlage des Yoga Sutra beruht wird deshalb von Kulturanthropologen in den letzten Jahren immer mehr bezweifelt (vgl. E. de Michelis, M. Singleton, J. Alter, D.G. White). Das Herausstellen der Einzigartigkeit und Bedeutung des Yoga Sutras ist also ein modernes Phänomen, und das Yoga-System nach Patanjali ist eines von vielen verschiedenen Yoga-Systemen Indiens.

Ist man sich dieser Erkenntnisse bewusst, dann ist es gar nicht mehr nötig krampfhaft eine Verbindung zwischen der Tradition des Patanjali Yoga und der körperlich orientierten Yoga-Praxis herstellen zu wollen. Statt dessen fällt es leicht entspannt anzuerkennen, dass der Yoga – ebenso wie die westliche Philosophie - viele Gesichter und Ausprägungen hat, die in verschiedene Richtungen weisen und die alle auf ihre Art einen Beitrag zum Gesamtbild leisten. Und vor allem kann man beginnen, auch die Tradition des Hatha Yoga in ihrer tatsächlichen Bedeutung für die moderne Yoga-Praxis zu erforschen.


¹ P. Y. Deshpande, Bettina Bäumer: Die Wurzeln des Yoga. Otto Wilhelm Barth Verlag, Bern 1976

² http://jivamuktiyoga.com/teachings/focus-of-the-mo...


Quellen:

Joseph S. Alter - Yoga in Modern India: The Body Between Philosophy and Science. Princeton: Princeton University Press, 2004

Lutz Geldsetzer - Die klassische indische Philosophie, Vorlesungen an der HHU Düsseldorf, 1982-1999

Elisabeth de Michelis - A History of Modern Yoga: Patañjali and Western Esotericism, Bloomsbury, London and New York, 2004

Mark Singleton - (ed. with Jean Byrne) Yoga in The Modern World: Contemporary Perspectives, London; New York: Routledge Hindu Studies Series, 2008.

David G. White - Yoga in Practice, Princeton University Press, 2001

http://jivamuktiyoga.com/teachings/focus-of-the-mo...

Passend zum Thema findest Du hier einen Artikel und ein Interview mit dem Historiker und Yoga-Kenner David. G. White

Short & Sweet

  • viele moderne Yogaformen berufen sich auf eine Verbindung mit dem klassischen Yoga des Patanjali
  • in dem Versuch, die moderne Asana-Praxis direkt auf das Yoga Sutra des Patanjali zurückzuführen, wird die Bedeutung mancher Sutren falsch verstanden und falsch übersetzt
  • um Übersetzungen an den inneren Sinn der Verse anzulehnen, ist es wichtig, den historischen und kulturellen Entstehungshintergrund zu beachten
  • die überragende Bedeutung des Yoga Sutra wurde wahrscheinlich von Gelehrten des 19. Jahrhunderts konstruiert - als Symbol für eine eigenständige, moderne indische Philosophie
  • der Yoga hat jedoch viele Gesichter und entspringt keiner einheitlichen, fortlaufenden Tradition